Die Kunstwerke Walther Georgis im Stadtmuseum
Provenienzforschung
Walther Georgi, Selbstporträt, Öl auf Leinwand, 1900. © Neues Stadtmuseum, Foto: Stephanie IrlenDas Stadtmuseum besitzt eine Sammlung von Arbeiten des Künstlers Walther Georgi (10.4.1871 – 17.6.1924). Als Mitglied der Künstlergruppe „Die Scholle“ und als Grafiker für die Zeitschrift „Die Jugend“ zählt Walther Georgi zu den Hauptvertretern des Münchner Jugendstils und Impressionismus um 1900. Den Grundstock zur Sammlung legte die Stadt Landsberg am Lech 1944, als sie für ihr Museum 48 Werke des verstorbenen Malers aus dem Nachlass seiner Witwe Wina Georgi erwarb. Da die Werke im Zuge der rassischen Verfolgung und Enteignung Wina Georgis den Eigentümer wechselten, handelt es sich um einen Restitutionsfall.
Museen sind mit den Washingtoner Prinzipien von 1998 ethisch verpflichtet, die Prinzipien im Umgang mit NS-Kunstraub umzusetzen. Der Beitrag befasst sich mit den Ergebnissen der Provenienzrecherchen der Museumsleiterin und ordnet die Vorgänge um den Kunstraub und der Restitution im Jahr 1951 ein. Die Recherchen wurden in den Landsberger Geschichtsblättern 2022 veröffentlicht.
Spurensuche
Die archivalische Überlieferung ist gut: Neben dem Stadtarchiv Landsberg sind als Hauptquelle die Akten der Oberfinanzdirektion München, die die Beschlagnahmung und Verwertung der Bilder präzise dokumentierte, und der Wiedergutmachungsbehörde I Oberbayern anzusprechen, beide im Staatsarchiv München verwahrt. Weiteren Aufschluss gaben Akten im Bayerische Landesentschädigungsamt, dem Hauptstaatsarchiv München, im Marktgemeindearchiv Dießen, bei der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, der Evangelischen Diözese Wien, Personenstandsregister in München, Wien und London sowie digitale Sammlungen, wie das Gedenkbuch München und die Arolsen Archives, aber auch Fotos in Privatbesitz und das Tagebuch Adolf Münzers wurden herangezogen.
Überaus wichtig sind jedoch die Gemälderückseiten, deren Vermerke die Bilder dem Kunstraub von 1944 respektive den Listen der unterschiedlichen Verwaltungsstellen zuordnen, z.B. der Erfassung durch den Münchner Kunstsachverständigen Hellmuth Lüdke im Auftrag der Oberfinanzdirektion München und durch den Central Collecting Point der Besatzungsbehörde.
Was Gemälderückseiten zu erzählen haben

Die Rückseiten der Gemälde bergen oft wertvolle Hinweise in Form von Aufschriften oder Aufklebern. Sie erzählen von Vorbesitzern, welche Ausstellungen oder Auktionshäuser sie durchlaufen haben, aber eben auch von Verwaltungsstellen. Die Oberfinanzdirektion München erfasste die beschlagnahmten Werke durch einen Kunstsachverständigen, in diesem Fall Hellmut Lüdke, der die Bilder mit blauer Schrift nummerierte. Auf unserem beispielhaften Gemälde mit der Inventarnummer 3816 (schwarze Tusche oben rechts) ist das die 54. Im Central Collecting Point bekamen die Werke schließlich eine fünfstellige Nummer in blau, hier die 47404. Diese Nummern ermöglichen es uns, die Werke in unserer Sammlung den Listen unterschiedlicher Verwaltungsstellen zuzuordnen.
Wina Georgi
Walther Georgi, Wina Georgi, bezeichnet "Wina - Im Juli 1920", Pastellzeichnung © Neues Stadtmuseum, Foto: Constanze Finkenbeiner1906 heiratete der Künstler Walther Georgi Malwine (Wina) Süssermann, eine geborene Jüdin, die im Zuge der Heirat zum protestantischen Glauben konvertierte. Gemeinsam zogen sie nach Holzhausen am Ammersee, wo sich mehrere Mitglieder der „Scholle“ niederließen. Nach Walthers unerwartetem Tod 1924, ging die Kunstsammlung an seine Witwe Wina über. Wina geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Ein Nachbar unterstützte sie finanziell. Im Gegenzug und aus tiefer Dankbarkeit benannte Wina ihn in ihrem Testament als Erben.
War Wina zu Beginn von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg von Verfolgung verschont geblieben, spitzte sich ihre Situation 1943 zu. Denn trotz Konversion galt sie den NS-Behörden weiterhin als Jüdin. Am 12. Januar 1944 wurde sie im Zuge einer reichsweiten Aktion des Reichssicherungshauptamts gegen verwitwete und geschiedene deutsche Juden aus „privilegierten Mischehen“ verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Dort starb sie am 23. Januar 1944. Ihr Vermögen war mit ihrer Verhaftung eingezogen worden. Damit handelt es sich um verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut.
In einem separaten Text zu Lebensweg, Schicksal und Deportation Wina Georgis erfahren Sie mehr Details.
Die Abwicklung des Nachlasses
Die Schnelligkeit, mit der die Behörden unmittelbar nach Wina Georgis Tod systematisch ihr Vermögen abwickelten, zeigt das große Interesse staatlicher, städtischer und lokaler Akteure, an der Existenzvernichtung der deutschen Juden zu profitieren. Das „Arbeitsgebiet III Vermögensverwertung“ im Oberfinanzpräsidium wickelte die Vermögen von emigrierten, deportierten und verstorbenen Personen ab und verwertete Möbel, bewegliche Gegenstände, Geld- und Wertpapiere sowie die Grundstücke. Bereits vier Tage nach ihrem Tod kontaktierte es den Gläubiger, der am 15. Februar über ein juristisches Mandat seine Ansprüche anmeldete, darunter Hypothekenschuld auf das Georgi-Haus sowie Darlehen auf die monatlich geleisteten Zahlungen mit Zinsen. Am 24. März erklärte er sich einverstanden, dass die Verpflichtungen aus dem Verkauf des beweglichen Vermögens beglichen werden. Laut Testament hätten ihm das Haus und das gesamte Inventar zugestanden.
Die Stadt Landsberg bewarb sich bereits einen Tag nach Wina Georgis Ableben über die Kreisleitung der NSDAP beim Kulturreferenten im Propagandaministerium, um die hinterlassenen Bilder Walther Georgis. Zunächst noch als Leihgabe erworben, kaufte sie die Bilder im Mai 1944 an. Die übrigen Bilder und Möbel kamen am 27. April über Hellmut Lüdke zur Versteigerung und brachten einen Erlös von 65.231 Reichsmark.
Nach Kriegsende trieb besonders die amerikanische Militärregierung die Restitution von Kulturgütern zügig voran. Im November 1947 erließ sie ein Rückerstattungsgesetz als gesetzliche Grundlage. Im Juni 1948 erfolgte die Verlagerung der Bilder an den Central Collecting Point in München. Damit einhergehend wurde ihr Wert neu geschätzt. Schließlich kam es am 29. März 1951 zum außergerichtlichen Vergleich: Die Stadt Landsberg erhielt 27 insbesondere großformatige Bilder, der Erbberechtigte 21, um die finanzielle Differenz der Schätzungen auszugleichen.
Die Gemälde in der Sammlung des Stadtmuseums verkörpern das an Wina Georgi begangene nationalsozialistische Unrecht. In der 2026 neu eröffneten Dauerausstellung erinnert das Stadtmuseum Landsberg am Lech darum an ihren tragischen Lebensweg, der auch in Holzhausen ein sichtbares Zeichen der Erinnerung finden sollte.
Eine ausführlichere Beschreibung der Provenienzrecherchen zur Kunstsammlung Walther Georgi im Stadtmuseum sowie Quellen- und Literaturangaben finden Sie in den Anfang 2022 erscheinenden Landsberger Geschichtsblättern im Aufsatz von Sonia Fischer: Der Nachlass von Wina Georgi. Ein Fall von Kunstraub und Restitution.



